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EggoMusic *~* Moritz Eggert
Freax, Zur Entstehungsgeschichte
Zur Entstehungsgeschichte:

Die Idee zu dieser Oper, ursprünglich eine Anregung des Schriftstellers Helmut Krausser, begleitet mich jetzt seit ca. 15 Jahren. In dieser Zeit hat sich die Konzeption des Stückes mehrfach verändert, Ausgangspunkt war jedoch stets der Film „Freaks“ von Tod Browning (1932), der als einer der ersten „Kultfilme“ gilt, und lange unterdrückt bzw. verboten war. Das Spezielle an diesem Film war, dass hier zum ersten Mal authentische „Freaks“ (besondere Menschen) die Hauptrollen spielten, und die so genannten „normalen“ Menschen eher als Rand- bzw. böse Figuren auftauchen. Browning, der selber aus dem Zirkusmilieu kam, benutzte hierbei echte „Zirkusfreaks“ als Darsteller, und zeigte ihre „Behinderungen“ in Grossaufnahme, damals ein unvorstellbarer und unendlich mutiger Tabubruch, der nur unter der vordergründig reißerischen Absicht eines „Horrorfilms“ möglich war.
Jede Gesellschaft empfindet das „Andere“ und „Fremde“, das die Freaks ohne eigenes Verschulden repräsentieren, als unangenehm und beängstigend. Das hat sich nicht entscheidend verändert – die Freaks von heute werden entweder irgendwo weggesperrt oder durch Operation „geheilt“, die Öffentlichkeit, die sie früher durch Wanderzirkusse hatten (bei all den negativen Konnotationen dieser so genannten „Freak Shows“: immerhin bildeten sie einen Ort der Begegnung zwischen „Normalen“ und „Anderen“) ist einer meist traurigen Randexistenz gewichen, bei der auch politische Korrektheit im Umgang („Aktion Mensch“ anstatt „Aktion Sorgenkind“) oft nicht über Gefühlskälte und Ignoranz hinwegtäuscht.
Gleichzeitig ist unsere Gesellschaft aktiv an der Schwelle zu einer Welt der Genormtheit, wie sie eigentlich früher nur als Horrorvision existierte oder mit Gewalt (z.B. durch die Nazis) durchgesetzt wurde. Es ist schon jetzt abzusehen, dass die Entschlüsselung des menschlichen Genoms immer mehr zu einer freiwilligen Selbstkontrolle der Gesellschaft führen wird, in der vorab entschieden wird, was als „gesund“ und lebenswert empfunden wird. Gleichzeitig wird das, was gemeinhin als „gesund“ und schön empfunden wird, immer unnatürlicher und kränker (magersüchtige Models, aufgepumpte Bodybuilder, Solariumbräune bis zum Hautkrebs, etc.).
Welche Konsequenzen dies haben wird, wage ich nicht zu beurteilen, mir scheint aber, dass das, was wir oft unter dem irreführenden Wort „Behinderung“ zusammenfassen, nicht immer Krankheit sondern vor allem Andersartigkeit ist, und das Prinzip des stets überraschend erscheinenden „Anderen“, der Mutation, so entscheidend für das Leben an sich ist, das seine Bändigung einer Abtötung des Lebendigen gleichkommt.
Beim Arbeiten an diesem Stück wurde aber klar, dass es nicht allein um dieses Thema geht, und auch der Film rückte immer mehr in den Hintergrund durch den Versuch, eine sehr archetypische und zeitlose Geschichte zu erzählen. Daher ist auch zusammen mit der Autorin Hannah Dübgen eine gänzlich neue Handlung entstanden, die mit dem Film nur noch sehr wenig zu tun hat. Es handelt sich also ganz sicher nicht um „Film als Oper“, wie es in jüngster Zeit Mode geworden ist.
Das Kunstwort „Freax“ (Plural wie Singular) steht bei uns für den Oberbegriff des „Anderen“, und unser Stück spielt eher in einer nahen Zukunft, in der Behinderungen jeglicher Art noch exotischer sind als schon heute, als in der Vergangenheit der „travelling sideshows“.
Im Grunde ist aber die Geschichte des sich nach Normalität und echter Liebe sehnenden Außenseiters (Franz, im Film Hans) so alt wie das Theater selbst, und für jeden, der sich während der Pubertät selber als Freak fühlte (wir alle) nachvollziehbar. Auch braucht es nicht nur körperliche Andersartigkeit, um sich als Freak zu fühlen, dies hat uns die Hippiebewegung im Positiven wie Negativen gelehrt.
Dennoch ist die Existenz der echten „Freaks“ wesentlich tragischer und – wie uns zum Beispiel die Geschichte des „Elefantenmenschen“ lehrt – wahrhaftiger und heroischer als die eines selbsternannten „Freaks“.
Ich kann nicht verhehlen, dass mein Herz immer besonders für die Freaks schlagen wird, den großen unbesungenen Helden unserer Geschichte. Ihnen, den vergangenen wie zukünftigen, ist dieses Stück gewidmet.

Moritz Eggert, 20.4.2007
[Moritz Eggert, 20.4.2007]